Lesen und Schreiben als Teilhabe-Frage: Bund und Länder beschließen das AlphaBündnis 2027–2035
Rund jeder fünfte Erwachsene in Deutschland hat geringe Lese- und Rechenkompetenzen. Mit dem neuen AlphaBündnis wollen Bund und Länder ab 2027 mehr Menschen mit Grundbildungsbedarf erreichen – niedrigschwellig, alltagsnah und dort, wo die Menschen leben und arbeiten.
Zahlen, die aufhorchen lassen
Rund jeder fünfte Erwachsene zwischen 16 und 65 Jahren in Deutschland verfügt über geringe Lese- und alltagsmathematische Kompetenzen sowie niedrige adaptive Problemlösefähigkeiten. Das teilt das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) mit. Für die betroffenen Menschen bedeutet das häufig erhebliche Hürden im Alltag, im Beruf und bei der gesellschaftlichen Teilhabe.
Eine vom BMBFSFJ geförderte Sonderauswertung der PIAAC-Daten zeigt, wie weit diese Folgen reichen: 61 Prozent der Erwachsenen mit geringen Lesekompetenzen fühlen sich politisch selbstwirksam – gegenüber 83 Prozent der Vergleichsgruppe. 42 Prozent bewerten ihre Gesundheit ungünstig, gegenüber 23 Prozent der Erwachsenen mit höheren Lesekompetenzen.
Was das AlphaBündnis vorhat
Die Bildungsministerkonferenz und das BMBFSFJ haben am 16. Oktober 2026 in Berlin das Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung 2027–2035 beschlossen. Es startet am 1. Januar 2027 und schließt an die seit 2016 laufende Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (AlphaDekade) an. Die Schwerpunkte:
- Zielgruppen gezielter ansprechen und Angebote stärker an unterschiedlichen Lebenslagen ausrichten,
- niedrigschwellige, lebenswelt- und arbeitsorientierte Zugänge ausbauen,
- aufsuchende und soziale Lernformate nutzen, um mehr Menschen zu erreichen,
- längerfristige Lernmöglichkeiten eröffnen und die Motivation zum Lernen stärken,
- besonderes Augenmerk auf junge Erwachsene beim Übergang in Ausbildung und Beruf,
- alltagsnahe Themen wie demokratische Grundbildung, Gesundheits- und Familiengrundbildung sowie digitale Lernmöglichkeiten.
Die Länder entwickeln – im Rahmen verfügbarer Haushaltsmittel – Grundbildungszentren, Netzwerke und Beratungsangebote weiter. Der Bund fördert Forschung, Pilotprojekte und die Übertragung erfolgreicher Modelle in die Praxis.
Was die AlphaDekade gezeigt hat
In der AlphaDekade wurden mehr als 500 Lehr-, Lern- und Sensibilisierungsmaterialien entwickelt und Lernangebote erprobt – am Arbeitsplatz, in Familienzentren oder im direkten Lebensumfeld. Eine zentrale Erfahrung: Vertraute Menschen und Orte erleichtern den Zugang zu Bildung, lebensnahe Themen fördern die Motivation. Zudem habe die AlphaDekade geholfen, Vorurteile gegenüber Erwachsenen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten abzubauen.
Bundesministerin Karin Prien betont: “Lesen und Schreiben zu lernen verändert das Leben: Es stärkt die Selbstständigkeit und eröffnet neue Chancen im Beruf, im Alltag und in der Gesellschaft.”
Die Perspektive von Menschen mit Behinderungen
Die Pressemitteilung nennt Menschen mit Behinderungen nicht ausdrücklich. Aus Sicht der Selbsthilfe liegt die Verbindung trotzdem nahe: Viele Menschen mit Lernschwierigkeiten oder kognitiven Beeinträchtigungen – etwa Menschen mit Down-Syndrom – profitieren genau von dem, was das Bündnis verspricht: niedrigschwellige Zugänge, Lernen in vertrauter Umgebung, lebenslange Lernmöglichkeiten statt Bildungsende mit der Schulzeit.
Wichtig wird sein, dass die neuen Angebote barrierefrei gestaltet werden – etwa mit Materialien in Leichter Sprache, passenden Lerntempi und zugänglichen digitalen Formaten – und dass auch Beschäftigte in Werkstätten oder Menschen in besonderen Wohnformen erreicht werden. Die UN-Behindertenrechtskonvention garantiert das Recht auf lebenslanges Lernen ohne Diskriminierung. Das AlphaBündnis kann ein Baustein sein, dieses Recht einzulösen – wenn Selbstvertretungen und Verbände bei der Umsetzung mitreden.
Zur Pressemitteilung: https://www.google.com/url?q=https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/pressemitteilungen/jeder-fuenfte-erwachsene-hat-geringe-grundkompetenzen-298382&source=gmail&ust=1792562207719000&sa=E
Quelle: Pressemitteilung Nr. 55 des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 16. Oktober 2026, weitergeleitet über die Listen-Abos des Arbeitskreises Down-Syndrom Deutschland e. V.
Thema: Informationen Familie & Kind | 29.10.2026 |