Beratungstelefon: 0521 - 442998

24.07.2026

Schwer behinderte Kinder plötzlich ohne Betreuung

Weil einer Heilpädagogischen Tagesstätte in Bayreuth Personal fehlt, wird einigen Familien der Betreuungs- und Therapieplatz für ihre schwerbehinderten Kinder gekündigt. Für Betroffene eine Katastrophe. Viele Eltern haben Angst, die nächsten zu sein.

Anke Potzel nennt es eine Katastrophe für sich und ihren Sohn Jaron, 16 Jahre alt und schwerstbehindert. Ein seltener Gen-Defekt sorgt dafür, dass er ohne Orthesen nicht laufen kann. Zuhause kriecht er durch die Wohnung. Weil er sich oft verschluckt, bekommt er Nahrung über eine Sonde. Sprechen kann Jaron nicht und ohne eine Atemplatte würde er im Schlaf ersticken. Mehrmals schon, sagt seine Mutter, habe sie ihn nachts “zurückgeholt” - zurück ins Leben.

Schwerbehindertem Jungen Betreuung und Therapie gekündigt

Jaron ist ein intensivmedizinischer Fall mit dem höchsten Pflegegrad. Und dennoch wurde ihm der Betreuungs- und Therapieplatz im Heilpädagogischen Zentrum (HpZ) in Bayreuth gekündigt.

Zwischen Kündigung und Betreuungsende, mit dem auch ein Ende aller Therapien einherging, hätten zwei Wochen gelegen, berichtet Jarons Mutter, Anke Potzel. Eine Vorwarnung habe es nicht gegeben und auch keine Erklärung dafür, warum gerade der schwerstbehinderte Jaron ausgeschlossen würde. “Wir haben uns natürlich gefragt, warum gerade wir?”, sagt Anke Potzel.

Heilpädagogische Fachkräfte fehlen überall

Zur Begründung heißt es vom Träger, der Rummelsberger Diakonie, dem HpZ fehlten die heilpädagogischen Fachkräfte - wie in der gesamten Pflegebranche und wie in ganz Bayern. So erklärt es auch der Bezirk Oberfranken, der eigentlich dafür sorgen müsste, dass Jaron am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann.

Wie viele Heilerziehungspfleger fehlen, weiß aber nicht einmal das Bayerische Sozialministerium. Die Berufsgruppe sei von keiner offiziellen Statistik vollständig erfasst, heißt es auf Nachfrage.

Zuletzt allerdings muss der Mangel noch einmal zugenommen haben. Schließlich schritt zum Jahresbeginn die Aufsichtsbehörde, die Regierung von Oberfranken, am Heilpädagogischen Zentrum in Bayreuth ein. Es gelte in solchen Fällen zu verhindern, dass die gesamte Einrichtung wegen Kindeswohlgefährdung geschlossen werden muss, teilt das Bayerische Sozialministerium mit.

Für Kündigungen niemand verantwortlich - für Hilfe auch nicht

Verantwortlich für die zehn daraufhin ausgesprochenen Kündigungen will man bei der Regierung aber nicht sein. Man habe lediglich um “Mängelbeseitigung” gebeten. Wie das geschehe, sei Sache des Trägers. Der erklärt auf Nachfrage, maßgeblich für die Reduzierung der Betreuungsplätze seien freilich die Anforderungen der Heimaufsicht gewesen. Zudem verweist die Regierung auf den für Eingliederungshilfe zuständigen Bezirk, der wiederum erklärt, er könne das Personal nicht beschaffen und gegen Anordnungen der Regierung nichts unternehmen. “Ich verstehe einfach nicht, dass wir so alleine gelassen werden”, sagt Anke Potzel.

Eine Lösung für die meist alleinerziehenden und berufstätigen Mütter hat niemand. Sie sind jetzt täglich gut drei Stunden länger mit der Betreuung ihrer Kinder beschäftigt, müssen jetzt zusätzlich selbst organisieren, was früher in der Tagesstätte geleistet wurde: Ergo-, Logo- und Physiotherapie zum Beispiel - “vorausgesetzt wir finden Therapeuten”, sagt Potzel.

“Alles weggenommen”: Kinder leiden

Und so leiden vor allem auch die Kinder unter der Situation, erzählen die Eltern. Ihnen fehlen nicht nur die oft einzigen sozialen Kontakte, die sie je hatten. Das tägliche Mittagessen mit anderen behinderten Kindern, darunter gute Freunde, fällt für Jaron und neun weitere Kinder nun genauso weg, wie das gemeinsame Spielen. “Er war beliebt, hatte Freunde, war voll integriert. Das hat man ihm jetzt alles genommen”, sagt Anke Potzel.

Hilfe habe sie bisher keine bekommen. Nicht vom Träger, der auf BR-Anfrage “gemeinsam nach Lösungen” suchen wollte. Nicht von der Regierung, die an den Bezirk verweist. Nicht vom Bezirk, der erklärt, dass ihm die Hände gebunden seien, weil es einfach zu wenige Fachkräfte gebe. Der aber auch seit Monaten einen Antrag Potzels auf Unterstützung durch Fachkräfte zuhause nicht beantwortet. “Eine Hinhaltetaktik”, vermutet Anke Potzel. Gegen eine Ablehnung könnte sie wenigstens vorgehen. Immerhin: Stundenweise bekommt Potzel Unterstützung durch Hilfskräfte, mit denen sie Jaron aber nicht alleine lassen könne.

Und auch von Stadt und Landkreis Bayreuth kommt bislang keine Hilfe - obwohl man auf Anfrage erklärt, seit Monaten von den Problemen am HpZ zu wissen. Allerdings: Vergleichbare Einrichtungen seien nicht vorhanden, “es müssten Individuallösungen gefunden werden.”

Einziger Vorschlag: Jaron soll ins Heim

Der einzige Vorschlag der Behörden bislang sei gewesen, Jaron in ein Heim zu geben, sagt Anke Potzel. Das komme noch nicht in Frage. Andere Eltern erzählen, ihre behinderten Kinder sollten in einem Hort untergebracht werden. Die Mitarbeiter dort seien aus allen Wolken gefallen, als sie das hörten, erzählt eine Mutter. Für ihr Kind wäre das der Untergang, sagt eine weitere. Dann lieber nach Hause.

Angst geht um, es könnte noch viele andere treffen

Immerhin: Die Kündigungen hätten noch weit mehr Familien treffen können. Auf Vorschlag des Bezirks habe die Heimaufsicht genehmigt, dass sich Kinder einen Betreuungsplatz teilen. So wie im Fall von Aaron. Ob der Junge mit Down-Syndrom seinen halben Platz auch nach den Sommerferien noch hat, ist völlig unklar. Seine Mutter Ramona Limke erzählt, dass Aaron derzeit mit der Situation noch zurechtkomme. “Ich weiß aber auch, wenn uns komplett gekündigt wird, das schafft er nicht. Ich weiß nicht wie ich das ...” - dann bricht Limkes Stimme, der Rest muss ungesagt bleiben.

Bayerischer Rundfunk

Thema: Informationen Familie & Kind | 24.07.2026 |

↑   Zum Seitenanfang   ↑