Beratungstelefon: 0521 - 442998

14.10.2026

Eingliederungshilfe: Mehr Selbstbestimmung im eigenen Zuhause – und eine harte Kostendebatte

Fast 500.000 Erwachsene mit Behinderungen erhalten Assistenzleistungen der Eingliederungshilfe, immer mehr davon im eigenen Wohnumfeld. Der BAGüS-Kennzahlenvergleich 2026 zeigt Fortschritte bei der Teilhabe – und steigende Ausgaben, die die Träger mit Sorge sehen.

Die Zahlen im Überblick

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe und der Eingliederungshilfe (BAGüS) hat ihren Kennzahlenvergleich für das Berichtsjahr 2024 vorgelegt. Ende 2024 erhielten rund 495.700 erwachsene Menschen mit Behinderungen Assistenzleistungen innerhalb und außerhalb besonderer Wohnformen oder Leistungen in Pflegefamilien – 5,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders stark wuchsen die Assistenzleistungen außerhalb besonderer Wohnformen (+8,9 Prozent), während die Zahl der Menschen in besonderen Wohnformen leicht zurückging.

Ambulantisierung: ein Gewinn für Selbstbestimmung

Die Ambulantisierungsquote liegt bundesweit inzwischen bei 61,5 Prozent. Fast zwei Drittel der leistungsberechtigten Menschen werden also außerhalb besonderer Wohnformen unterstützt. Der BAGüS-Vorsitzende und LVR-Sozialdezernent Dirk Rist sieht darin einen wichtigen Schritt zu mehr Teilhabe und Selbstbestimmung. Gleichzeitig wächst die Komplexität, weil zunehmend auch Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf im eigenen Wohnumfeld begleitet werden.

Arbeit: Alternativen zur Werkstatt nehmen zu

Rund 267.400 Menschen waren Ende 2024 im Arbeitsbereich einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt – leicht weniger als im Vorjahr (–0,9 Prozent). Das Budget für Arbeit nutzen inzwischen 3.923 Menschen, ein Plus von 12,8 Prozent. Noch ist das eine kleine Zahl, aber der Trend zeigt in Richtung allgemeiner Arbeitsmarkt.

Steigende Ausgaben

Die Ausgaben wachsen schneller als die Zahl der Leistungsberechtigten: Für Assistenzleistungen außerhalb besonderer Wohnformen wurden rund 4,7 Milliarden Euro aufgewendet (+22,6 Prozent), in besonderen Wohnformen über 10 Milliarden Euro (+9,2 Prozent). Insgesamt liegen die Ausgaben der Eingliederungshilfe bei weit über 25 Milliarden Euro im Jahr.

Pflegeversicherung als Problem

Ein Kostenfaktor ist das Zusammenspiel mit der Pflege: Menschen mit Behinderungen in besonderen Wohnformen erhalten deutlich geringere Leistungen der Pflegeversicherung als andere Versicherte. Die Differenz trägt die Eingliederungshilfe. Die BAGüS fordert deshalb eine Reform der Pflegeversicherung, die Leistungen unabhängig von der Wohnform gleichberechtigt gewährt, sowie eine stärkere finanzielle Beteiligung des Bundes.

Einordnung aus Sicht der Betroffenen

Die Zahlen belegen, dass das Bundesteilhabegesetz und Artikel 19 der UN-Behindertenrechtskonvention – das Recht, selbst zu entscheiden, wo und mit wem man lebt – Wirkung zeigen. Wichtig ist, dass die Debatte über „Kostendynamik“ nicht zu Lasten dieser Errungenschaften geht. Die Forderung nach gleichen Pflegeleistungen unabhängig von der Wohnform ist dagegen auch aus Sicht der Menschen mit Behinderungen berechtigt: Sie beendet eine Ungleichbehandlung. Die BAGüS selbst betont, dass die Eingliederungshilfe ein zentraler Baustein für gesellschaftliche Teilhabe bleibt und bedarfsgerecht und personenzentriert gestaltet sein muss. Daran sollten sich alle Reformen messen lassen.

Thema: Informationen Gesundheit Familie & Kind Selbsthilfe Wohnformen | 14.10.2026 |

↑   Zum Seitenanfang   ↑